Sonntag, 15. Februar 2015

Feine Nachbarn

Attila und Aniko sind unsere Nachbarn. Nicht unsere einzigen, aber die, die uns am nächsten stehen. Als wir in Kontakt gekommen sind, ging es ganz schnell und wir diskutierten über sehr Persönliches. Aniko spricht gut Deutsch und ich staune, wie klar und differenziert sie sich ausdrücken kann. Attila spricht etwas weniger gut, aber mit Anikos Hilfe kann auch er sich mitteilen.
















Attila ist Sozialpädagoge und Aniko ist Lehrerin. Hier arbeiten sie als Reinigungspersonal. Jeweils über Weihnachten und Neujahr reisen sie in ihre Heimat und verbringen da etwa zwei Monate. Kurz vor ihrer Abreise im Dezember sind sie gezügelt, ins übernächste Haus. Die Wohnung ist ursprünglich eine Ferienwohnung, zwei Zimmer, schlicht eingerichtet. Heute sind wir zum Essen eingeladen, sie wollen uns ihr neues Zuhause zeigen. Sie begrüssen uns herzlich und präsentieren uns stolz ihre neue Bleibe. Sie tun das etwa so, wie wir Schweizer eine nigelnagelneue Siebenzimmer-Attikawohnung präsentieren würden. Wenn man eintritt, steht man mitten in der Küche, links ist der Esstisch, etwas weiter vorne die Kombination, zuhinterst im Raum ist eine Türe, wahrscheinlich das Badezimmer. Rechts geht ein Zimmer ab, da drin steht ein Bettsofa, eine Neuanschaffung, mit der sie sehr zufrieden sind. Rechts vorne beim Fenster steht ein kleiner Schreibtisch. Daneben sind Bücherregale, eine Leuchte und eine Pflanze. Etwas weiter rechts sind Einbauschränke. Im Moment leben sie in diesem Raum, das zweite Zimmer planen sie später einzurichten, sie hätten ja so Platz genug.

Nach der Besichtigung werden wir zurück in die Küche geführt und dürfen da Platz nehmen. Liebevoll ist aufgedeckt, schlicht dekoriert. Wir bekommen einen Champagner aus Ungarn angeboten, er schmeckt gut, leicht süsslich. Dann gibt’s Linsensuppe. Attila ist ein grandioser Koch, Suppen sind eine seiner Spezialitäten. Anschliessend gibt’s ein ungarisches Gericht, das uns in grosszügigen Portionen serviert wird. Dazu einen roten Wein, auch aus ihrer Heimat. Wir dürfen auch den weissen Wein probieren oder sollen sie für uns vielleicht noch einen weiteren Champagner öffnen? Oder wäre uns ein Bier lieber? Ja, gastfreundlich sind sie, sie teilen alles, was sie haben. Das ist genau das, was mich so anrührt, diese Einfachheit und Herzlichkeit. 

Wir diskutieren über Gott und die Welt, über ihre Situation und darüber, dass sie schon sehr gerne auch einmal etwas anderes arbeiten würden als putzen. Sie haben sich, kurz vor ihrer Abreise, beim RAV angemeldet, weil es im Winter oft weniger Arbeit gibt. Die Firma, bei der sie arbeiten, reinigt vor allem Neubauten und bei Minustemperaturen kann man keine Fenster putzen. Aniko meint, dass die Frau, die sie auf dem RAV beriet, ziemlich demotivierend gewesen sei, dass sie sich aber die Hoffnung nicht nehmen lassen würden.

















Nach dem Essen gibt es noch einen Schluck Kaffee und etwas Selbstgebackenes dazu. Beim Abschied füllen sie uns zwei Plastikgeschirrchen, das eine mit Linsensuppe, das andere mit dem Hauptgang, packen etwas Kuchen ein und geben uns zwei Bier mit. Sie betonen, wie sehr unser Besuch sie gefreut habe und wie schön es sei, dass wir einander kennen. 

Auf dem kurzen Nachhauseweg wundere ich mich darüber, dass wir mit vollgepackten Händen unterwegs sind – ich fühle mich reich beschenkt. Und wie wir in unser Haus treten, frage ich mich, wie sich wohl unsere Raumeinteilung gestalten liesse, wenn noch jemand bei uns wohnen würde. Wir sind ja nur zu Zweit und haben ein ganzes Haus für uns.

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